Archiv: Juli 2008
Wer in Nürnberg ein gutes Bier trinken möchte, hat es in der Tucher-Wüste fast so schwer wie die Münchner mit ihren Inbev-Großbrauereien. Aber nur fast. Es gibt auf Nürnberger Stadtgebiet zwar genauso wie in München keine größere Brauerei mit nennenswert gutem Bier (die Münchner Augustiner Brauerei lasse ich hier mal außer Acht). Dafür aber gibt es in Nürnberg aber einen “Geheim”-Tip, wo man täglich exquisite feine kleine fränkische Biere trinken kann, und das sogar von Fass, ganz wie in der guten alten Zeit.
Unter Motorradfahrern, aber nicht nur, ist das Kathi-Bräu in Heckenhof ja ein wohlbekannter Klassiker. Es ist ein schöner alter, traditioneller Biergarten mit eigenem Bier und sehr, sehr leckerer “landestypischer” Brotzeit, das ganze in einer wunderbaren Landschaft gelegen … schwärm …
Als Einheimischer vermeidet man allerdings die Örtlichkeit weiträumig, zumindest an schönen Sommerwochenenden, wenn einfach zuviele Touris und Ausflügler dort unterwegs sind. Aber an einem Werktag, ja, da kann man zur Kathi raus…
Bier ist nicht gleich Bier und Brauerei ist nicht gleich Brauerei. Wie bei den verschiedenen Biersorten gibt es auch bei den Braureien große Unterschiede. Der Augenscheinlichste ist wohl die Größe einer Brauerei. Während in den letzten 20 Jahren die größten Brauereien durch Übernahmeschlachten immer weniger werden, lässt sich in der jüngsten Zeit am unteren Ende der Größenskala ein gegenläufiger Trend beobachten: Fast in jeder größeren Stadt gibt es inzwischen eine junge Hausbraurei, meist mit den Sudkesseln im Gastraum, die ihr Bier für den Eigenbedarf und für Abholer selbst herstellt. Mit bereits über 16 Jahren einer der ältesten Vertreter dieser Gattung Hausbrauerei ist die 1. Hausbraurei Alt-Giessen in der hessischen Universitätsstadt Gießen.
Um die obergärige Bierspezialität der alten Römerstadt Colonia kennenzulernen, kann man einfach mit der Bahn zum Hbf Köln fahren, fünf Minuten um den vor dem Hbf hochragenden Kölner Dom herumschlendern, sich dann zum nächstbesten Kölsch-Ausschank begeben um sich dort irgendein Kölsch in die Hand drücken zu lassen. Wer so vorgeht, wird mit großer Wahrscheinlichkeit das verbreitete Vorurteil bestätigt finden, Kölsch sei ein dünnflüssiges, langweiliges Bier. Doch es geht auch anders: Ich war in der glücklichen Lage, von zwei ureingeborenen Rheinländern an einem Samstagnachmittag eine Exklusiveinführung in die Kölner Kölschkultur zu bekommen. Und dabei galt es einige Überraschnungen zu erleben.
Wer noch nie in Düsseldorf gewesen ist, der denkt bei Altbier wahrscheinlich erst an Diebels. Das ist einfach das Altbier mit der umfangreichsten Werbung im Fernsehen und an den großen Plakatwänden und Litfaßsäulen Deutschlands. Biertrinkern, die schon mal irgendwie mit dem Rheinland in Berührung waren, dürften dann vielleicht auch Frankenheim, Schlösser oder Hannen begegnet sein. Alles große Namen, leider aber keine großen Biere (mehr). Alle sind bereits in der Hand der großen Bierkonzerne: Diebels beim Braumonster InBev, Frankenheim gehört zu Warsteiner, Schlösser zur Radeberger Gruppe und Hannen zum dänischen Carlsberg Konzern. Je größer der Bierhersteller, desto schlechter sein Bier. Das gilt leider auch für den Geschmack dieser vier Biere. Da wird es höchste Zeit, hier das Einmalvier der Düsseldorfer Hausbrauereien vorzustellen. Sie haben alle ihren Ausschank an der “Längsten Theke der Welt”, der Düsseldorfer Alstadt, und drei davon brauen auch dort.
Gestern erzählte uns Muttern von einer Sendung im Bayr. Fernsehen, die ihr so gut gefiel, mit einem Beitrag zu Nürnberger Hinterhofbetrieben. Besonders die Rotbierbrauerei Schanzenbräu beeindruckte sie. Da wir das andere Nürnberger Rotbier (Altstadthof-Brauerei) ja schon kennen, beschlossen wir, gleich das Schanzenbräu zu testen. Also PC angeworfen und geschaut, wo’s des gibt… -> z.B. in der Schäufele-Wärtschaft!
Heute beginnt in Forchheim wieder das Annafest (26.07 – 04.08.). Ich war ein paar Tage vorher schon mal im Kellerwald unterwegs, um die Aufbauarbeiten für das Fest zu beobachten, und siehe da, es herrschte große Aufregung im sonst so schön ruhigen und beschaulichen Kellerwald: Der Schwanenbräukeller, sonst nur einmal jährlich während des zehntägigen Annafestes von der Nürnberg-Fürther Tucherbräu als Weizenbiergarten betrieben, soll jetzt ganzjährig bewirtschaftet werden.
Dieses Wochenende hatte ich einen Workshop im Schlosshotel in Neufahrn zwischen Landshut und Regensburg. Wie bei solchen Event-Hotels üblich gibts da natürlich ein bischen Traritrara und Drumherum; hier sind das neben den kuschligen Kellergewölben auch eine mittelalterliche “Dorfstrasse”, wo man bei Bogenschiessen, Kirschkernweitspucken und Beilwerfen (!) Teambuilding betreiben kann. Ich will aber gar nix zum Schloss erzählen, sonder nur das Bier erwähnen, das so angenehm zum Sommernachmittag in der altertümlichen Athmosphäre passte: Hohentanner Helles. Nach einem intensiven Arbeitstag drinnen eine schöne, unkomplizierte Entspannung für draussen. Es gibt bestimmt spektakulärere Biere, aber manchmal tuts ein “einfaches” Bier sogar besser! Was paßt, das paßt!
Wie komme ich als im Münchner Exil lebender bayerischer Schwabe und Frankenfetischist auf ein Brauereifest in Saarbrücken? – Durch Bier natürlich! – Im Münchner Stadtteil Haidhausen, in der Elsässerstraße, liegt die Gaststätte “Wiesengrund”. Das ist eine brauereifreie Gaststätte ohne Bierknebelvertrag, wo der Wirt also das Bier ausschenken kann, das ihm am besten schmeckt. Und der Wirt dort hat einen extrem guten Geschmack. (Da wird früher oder später hier auch noch ein Artikel fällig.) Ebendort hat sich im Frühjahr des vergangenen Jahres folgendes zugetragen.
Fortsetzung des vorangegangenen Artikels (aus technischen Gründen zweigeteilt)
Bruch – Brauereifest
Nach der langen Urlaubsplanung, wer mitgerechnet hat: länger als ein Jahr, wollte ich natürlich das Bruch-Fest von Anfang bis zum Ende erleben. Das heisst dann ganz in der Früh schon zur Brauerei gehen, noch bevor die ganzen Besucher kommen und bevor die Musik zu spielen beginnt. Ich schätze diese Momente immer sehr. Ich gehe auch gern mal gleich zur Öffnungszeit in meinen Stamm-Biergarten als erster Gast des Tages und beobachte, wie sich der Tag so entwickelt. Beim Bruchfest war ich nicht ganz der erste Besucher, aber der Brauereihof sah doch noch recht übersichtlich aus, als ich ankam.
Am Vormittag spielt auf dem Bruchfest immer die Saarbrücker Stadtkapelle, eine Blaskapelle. Ich selbst war in meiner Jugend auch Musiker in einer Blasmusikkapelle in bayrisch Schwaben und stehe daher schon ein wenig auf Blasmusik. Die Musikbesetzung auf dem Bruchfest ändert sich über den ganzen Tag hinweg. Den Anfang macht die Blasmusik, etwas für die ältere Generation, am Nachmittag und Abend spielt dann eine Band mit familientauglicher Musik, und am Abend wird es dann fetzig rockig für die Partyfreaks. Die Bruch-Biere passen zu jeder dieser Musikstile. Wenn man sich lange genug auf dem Brauereifest aufhält, kann man sogar das Glück haben, den Braumeister, Herrn Bruch persönlich zu treffen. Ich war scheinbar lange genug da, denn plötzlich sagte ein Tischnachbar von mir: “Schauen Sie, der Herr dort mit der Kravatte, das ist der Herr Bruch.”
Bruch Biere
Zwickel
Das Bruch Zwickel ist ein echtes Zwickel. Das soll heißen, es ist kellerfrisch, jung, noch etwas wild, mit trockenem Charakter. Den Reifegrad betreffend würde ich sagen ein Bier in seiner Spätpubertät. Es riecht noch lebendig und direkt nach den Zutaten Hopfen und Malz, typisch für junges Bier. Seine Jugendhaftigkeit ist dem Bier bei jedem Schluck anzuschmecken. Zwickelbier an sich ist ja ein unreifes, noch in seiner Reifegärung befindliches Bier. Herr Bruch scheint es aber punktgenau kurz vor dem Ende der Reifezeit abzuzwickeln, sodass es doch schon so gut wie fertig gereift und sehr bekömmlich ist. Höchst bemerkenswert!
Pils
Beim Pils fällt sofort seine optische Klarheit und Durchsichtigkeit auf. Sein Geschmack ist aber immer noch dem Zwickel sehr ähnlich. Das Pils ist also auch ein noch junges Bier, der Malzton noch nicht stark ausgereift, auch noch schön jung, hopfig, wild prickelnd und ebenso eher trocken wie das Zwickel. Es ist aber schon deutlich abgerundeter als das Zwickel. Kein spätpubertäres Bier mehr, sondern schon eher ein junger Erwachsener.
Landbier
Landbiere kenne ich aus Franken sehr viele und gute. Nicht zuletzt ja durch das Nürnberger Landbierparadies. Alle in der Regel dunkel, und für die Lagerung im Felsenkeller gebraut. Das Bruch-Landbier war da ganz anders: Nämlich auch sehr “zwickelig”. Ich schmeckte dieselbe – keineswegs negative – Jugendhaftigkeit der beiden Hellen Biere zuvor. Das Dunkelmalz hat dem Landbier den typischen Duft von Karamel und Malzkaffee verliehen, den ich schon beim dunklen Stiefel am Tag zuvor kennengelernt hatte. Aber wie gesagt, es schmeckte wie die beiden Vorgänger noch jung, was ich inzwischen als “bruchtypisch” bezeichnen würde. Ein gutes angenehmens malziges Bier, doch immer noch von mindestens halbtrockenem Charakter. Definitv aber kein Lagerbier nach fränkischer Landbiertradition.
Weizen
Die vorangehenden Bruch-Biere wirkten all mehr oder weniger trocken. Ganz anders das Weizen. Das hatte doch eine hohen Süßegrad, vom Hopfen kaum etwas zu riechen und zu schmecken. Ansonsten aber war es auch wieder ein echtes Bruch: jung und lebendig schmeckend. Das Bruch-Weizen ist die jüngste Biersorte von Bruch, auf diesem Fest zum ersten mal im Ausschank. Neben der deutlichen Süße hat es auch noch einen ebenso deutlichen Säuregrad. Ich hatte den Eindruck, dass man sich beim Bruch noch nicht ganz einig ist, in welche Richtung man das Weizen ausbalancieren soll. Wer weiß, vielleicht hat man es beim nächsten Bruchfest schon entschieden.
Warum Weizen?
Warum macht die Bruch-Bräu eigentlich ein Weizen? Möglicherweise, um am Markt mithalten zu können, wo Weizenbier derzeit boomt wie Schwammerl im Wald. Vielleicht ist Weizen aber auch nur eine Modeerscheinung. Warten wir mal 100 Jahre, dann sehen wir schon.
Mir waren in der Saarbrücker Innenstadt einige Lokale aufgefallen, die für das Saarland untypische Biere führen wie Paulaner Weizen aus der Schörghuber Gruppe oder Franziskaner Weizen vom InBev Konzern. So gesehen machen die Brauereiübernahmen der Großen aber Sinn, bzw. verständlichen Un-Sinn. Beispiel: Karlsberg übernimmt Becker und verkauft dort sein Bier, wo es vorher Becker gab. Karlsberg Pils läuft gut. Schörghuber kauft sich bei Karlsberg ein. Weil Karlsberg Pils gut geht, verkauft man in Karlsberg Lokalen weiter Karlsberg Pils, aber zusätzlich auch überall, wo Karlsberg ist, auch noch das Paulaner Weissbier. Dann doch lieber gleich das heimische Bruch-Weizen! – Oder? Geschmacklich kann ich das nur unterstützen, denn das Bruch Weizen ist mir in sehr positiver Erinnerung geblieben, wogegen ich das Paulaner Weissbier schon seit langem aus meinem Gedächtnis zu verdrängen versuche.
Karlsberg
Das musste nach den Lobpreisungen durch meinen Feinschmeckerbekannten natürlich probiert werden. Ich fand eine Gelegenheit, als ich am langen Tag des Bruchfestes nach der Vormittagsschicht mit der Stadtkapelle kurz zum Ausruhen zurück ins Hotel gegangen war. Das lag nämlich im “Nauwieser Viertel” Saarbrückens, wo zeitgleich mit dem Bruch-Fest auch das sog. “Nauwieser Fest” stattfand. Auf diesem Fest gab es natürlich Karlsberg zu trinken, aber auch Bruch war dort im Ausschank. (Auf dem Bruchfest im Bruchbrauereihof gab es freilich nur Bruch Bier
). Und als ich dann endlich mein erstes Karlsberg Pils probieren durfte, war ich mehr als überrascht! Mein erster Eindruck: Stark aromatisch gehopft, sehr herb, eleganter Malzkörper, ausgereift. Das war kein Zwickel, sondern echtes Pils. Für eine große Übernahmebrauerei war das Bier jedenfalls erstaunlich schmackhaft, und dabei noch schön prickelnd und lebendig.
Mal sehen, was Schörghuber daraus machen wird. Am besten macht er gar nichts draus und lässt das Karlsberg Pils so wie es ist.
Fazit
Die Begegnung im Wiesengrund hat mir den Zugang in eine neue Ecke des deutschen Brauereiwesens eröffnet, das Saarland, das ich sonst nicht als Biergegend in Deutschland kennengelernt hätte. Mit heute noch aktiven 13 Brauereien ist das Saarland bei weitem nicht so dominant wie Bayern oder gar Franken, wo es mit Bamberg z.B. eine mittelgroße Kleinstadt mit alleine schon (bzw. noch) zehn Brauereien gibt. Aber eine traditionsreiche Bierkultur hat das Saarland auf alle Fälle, und die steht den Bierkulturen anderer deutscher Regionen in nichts nach. Die Biere, die ich kosten durfte, waren allesamt “echte Biere”.
Was soll das sein, ein “echtes Bier”? Ich definiere das für mich wie folgt: Ein Bier, das zu Trinken dem Bierfreund ein geschmackliches Vergnügen bereietet, und das typisch ist für die Region, in der es gebraut wird. Und das waren beide Biere allemal: Das Bruch, sowie – wenn auch für mich zugegebenermaßen sehr überraschend – das Karlsberg. Das Saarland ist in biertechnischer, sowie in kulinarisch-kartoffeltechnischer Hinsicht auf alle Fälle eine Reise wert. Statt zum Austernessen nach Paris kann man durchaus auch den kurzen Weg nach Saarbrücken wählen, wo man bei einem trockenen Getränk – Zwickel statt Riesling – mit Dibbelabbes, Gefilden und anderen saarländer Schmankerln ebenso schmackhaft und wesentlich nahrhafter versorgt wird.
Deutschland ist schön – das Saarland auch!