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Geschichten aus der Forschungsbrauerei: Die Taschengeldverhandlung

Ein Besuch in der Forschungsbrauerei ist immer etwas Besonderes. Das hat viele Gründe. Allen voran natürlich das Bier, das man in dieser Qualität wohl nur an ganz wenigen Orten auf dem Globus bekommt. Etwas das die FoB aber auch zu etwas Besonderem macht, ist die Tatsache, dass die Brauerei jährlich am Kirchweihwochenende bis zur Mitte der Frühjahrsfastenzeit ihre Tore für die Öffentlichkeit schließt. Als kleinen Ausgleich gibt es an den letzten drei Öffnungstagen im Jahr, Freitag bis Sonntag, ein einzigartiges Abschlussfest mit der „Perlacher Bräustüberlmusik“. Da kommen alle Gäste noch ein letztes mal um Abschied zu nehmen voneinander, noch ein letztes Bier zu trinken und dabei gemeinsam über die Schließung zu trauern, und um sich schon ein bischen auf den kommenden Frühling zu freuen. Man kann sich vorstellen, dass da immer eine eben ganz besonders besondere Stimmung herrscht.

Herr Mayer, wir kennen ihn bereits aus der Geschichte vom „Respektbier“, nutzt dieses Wochende jedes Jahr, um mit seinen beiden Söhnen Max und Markus das Taschengeld für das kommende Jahr auszuhandeln. Da geht es dann nicht einfach nur um die Höhe der monatlichen Zahlung. Nein, Herr Mayer und seine Söhne haben ein professionelles System aus regelmäßigen Zahlungen, Einmalzahlungen zu Weihnachten und Geburtstag bis hin zu Bonuszahlungen entwickelt. Die Mayers haben für die Verhandlung sogar eine Vorlage aus einer bekannten Software für Tabellenkalkulation erstellt, in welche die vereinbarten Zahlen dann nur noch eingetragen werden. So wird der gemeinsam Familienausflug in die Forschungsbrauerei für die Buben zu eine Vorbereitung auf das richtige Leben. Klar, mit dem Bier haben die beiden noch nichts am Hut, und die Stammtischbrüder sind dann auch nicht gerade deren Generation. Die FoB wäre für sie also nicht wirklich interessant. Aber weils da um ihr Geld geht, haben sie einen echten Anreiz, ihren Vater doch auch mal bei seinem Wirtshausbesuch zu begleiten. Und das tun sie jedes Jahr am Abschlusswochenende.

Im vergangenen Jahr hatte man die Berechungsvorlage zuhause vergessen und so mussten die Bierfilze als Rechenvor- bzw. Unterlage herhalten. Diese Bierfilze hatten die Söhne heuer wieder mitgebraucht, als Ausgangsgrundlage für die Taschengeldneuverhandlung. Diese verlief nach zähem Hin- und Herfeilschen letztendlich doch wieder zufriedenstellend für beide Verhandlungsparteien. Man trug die vereinbarten Zahlen in die Vorlage ein und – hoppla! – da hatten sich die Jungs noch etwas neues ausgedacht: Die Mayers saßen natürlich nicht allein am Verhandlungstisch. An den letzten drei Tagen ist das Bräustüberl nämlich immer bis auf den letzten Platz ausgebucht. Die dabeisitzenden Gäste hatten staunend die Verhandlung mitverfolgt und zu derem noch größeren Erstaunen hatte die Buben diese mit einbezogen. Sie hatte nämlich noch ein Papier mitgebracht, auf dem sie die Tischnachbarn kurzerhand zu Zeugen der Verhandlung benannten und das Einverständnis des Vaters zum Verhandlungsergebnis per Unterschrift durch zwei neutrale Beobater beurkunden ließen. Da staunte auch Herr Mayer selber nicht schlecht über die Cleverness seiner Sprösslinge und unterschrieb mit Freude und mit großem Stolz auf seine Jungs den neuen Taschengeldvertrag.

Als man dann zuhause war und das Vertragswerk noch mal gemeinsam durchsah, merkte Herr Mayer erst, dass seine Jungs noch cleverer waren, als er dachte, und ihn mit bayerischer Schläue übers Ohr gehauen hatten: Sie hatten die Vorlage verändert und die Zahlung „pro Monat“ kurzerhand zu einer „pro Woche“ gemacht. 😛

Im richtigen Leben, auf das Herr Mayer seine Jungs ja vorbereiten will, wäre dieses Vorgehen wohl nicht ganz in Ordnung gewesen. Davon konnte er die beiden auch überzeugen, und man hat den Vertrag dann „nachgebessert“ auf die korrekten monatlichen Werte. Vielleicht aber ist ja für die Bayernschläue eine kleine Bonuszahlung herausgesprungen, wer weiss. Schließlich hat doch diesmal auch der Vater von seinen Söhnen etwas gelernt, nämlich dass man immer genau prüfen muss, worunter man seine Unterschrift setzt.

Mich hat das erzieherische Vorgehen von Herrn Mayer sehr beeindruckt. Welche Kinder bekommen heute noch von ihren Eltern so eine lebensnahe Vorbereitung auf ihr späteres Berufsleben. Herr Mayer hat mir erzählt, wie er von seinem Vater das Ver-Handeln gelernt hat: Sein Vater war Landwirt und hatte unter anderem Schweine gezüchtet. Diese mussten dann auf dem Schweinemarkt an den Metzger verkauft werden. Dazu hat Großvater Mayer seinen Sohn, den heutigen Vater Mayer, öfter mitgenommen, und so konnte er die Verhandlungsgespräche seines Vaters mitverfolgen und daraus lernen. Heute führt Herr Mayer die Landwirtschaft nur noch im Nebenerwerb aus, und Schweineverkaufsverhandlungen gibt es nicht mehr. Da hat er mit der Taschengeldverhandlung in der Forschungsbrauerei einen anderen, und ich meine keinen schlechten Weg gefunden, seinen Söhnen etwas fürs Leben mitzugeben. So ändern sich die Zeiten, aber die Tradition geht weiter.

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Dieser Beitrag wurde geschrieben am Dienstag, 21. Oktober 2008 und wurde abgelegt unter "Allgemeines, ralf". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback senden von deiner eigenen Seite.

1 Kommentar

  1. benhur sagt:

    So a nette Gschichd!
    Wie schad, dass mein Vater weder Taschengeld verhandelt hat – es gab einfach keins – noch mich beim Schweinekauf mit einbezog (er war allerdings als Metzger auf der anderen Seite). Ob ich mich sonst im Urlaub im Bazaar etwas weniger übers Ohr hauen lassen würde? 😉

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