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feine Biere, wo und wie wir sie am liebsten haben

Ein Tag im Hopfenforschungszentrum Hüll

Hopfenforschungszentrum Hüll LfL Hopfenforschungszentrum „Hüll“ – bei diesem Namen denke ich als erstes an moderne Hopfensorten wie etwa „Mandarina Bavaria“, „Huell Melon“ und „Polaris“. Auch Schneider’s Sonderbiere aus der Tap X Reihe kommen mir in den Sinn. Die Hopfen, die bei Mathilda Soleil (2015) und Marie’s Rendezvous (2016) für die craftige Kalthopfung verwendet wurden, waren jeweils neue Zuchtstämme ohne Namen, bezeichnet nur mit einer geheim gehaltenen Züchtungsnummer aus Hüll. So war für mich ein Besuch dieser Forschungsstätte eigentlich schon lange überfällig. Als ich heuer eine Einladung zu einem Bloggertag bekam, war klar, dass ich alles liegen und stehen lasse, sprich mir einen Tag frei nehme, für einen Ausflug in das winzige Dörflein bei Wolnzach mit dem großen Namen.

Das erste, was man in Hüll erblickt, ist ein großes Anwesen mit einem stattlichen Maibaum davor und einem prunkvollen geschmiedeten Namensschild im Design eines Hopfengartens, auf dem in großen Buchstaben „Busch Farm“ geschrieben steht. Busch … Bier … das wird doch nicht …? Und mein Gedanke wird bestätigt durch den Firmennamen „ABInBev“, der überraschend auf dem Maibaum steht. Ich meine schon fast, ich wäre hier verkehrt, als ich auf der gegenüberliegenen Straßenseite ein modern wirkendes Gebäude entdecke, mit einem in Holz ebenfalls im Hopfengartendesign gehaltenen Schild der „Gesellschaft für Hopfenforschung e.V.“ davor. Da treffen fast gleichzeitig mit mir auch die übrigen eingeladenen Vertreter/Innen von Blogs und jüngeren sozialen Medien ein: Mareike von Feinerhopfen, der Hopfenschmecker Winfried Hermann, Michael Urban von Urban-Tastings, biermaniac Robert, Alex Bayer, Jonas Emons und der Craftbeerflüsterer Tim Etscheid.

Hopfenforschung meets Bierkenner und Hopfenliebhaber

so war die Einladung der GfH, der „Gesellschaft für Hopfenforschung“ überschrieben. Die Programmpunkte ließen einen aufregenden Tag erwarten:

  • Teilnahme an fachmännischer Hopfenbonitierung
  • Vorstellung des Hopfenforschungszentrums Hüll
  • Überblick über alle fünf Forschungsabteilungen und ausgewählte aktuelle Forschungsschwerpunkte
  • Führung über das Gelände
  • Vorstellung der neuen Hopfensorten aus dem Hause Hüll
  • Verkostung verschiedener, mit neuen Sorten gebrauter Biere

Die Gastgeber

Betreut wurden wir vom Geschäftsführer der GfH, Dipl. Ing. Walter König und Teamassistentin Julia Beyer, welche unseren Besuch mit professionellen Bildern auf der Facebookseite der GfH festhielt. Herr König ist zudem auch Geschäftsführer der Braugerstengemeinschaft e.V. im Bayerischen Brauerbund – eine perfekte Kombination, ganz im Dienste von Hopfen und Malz. So wurden wir mit geballter Hopfenkompetenz und brauerischer Authentizität durch den Tag begleitet. Noch vor dem Eingang zum Institut begann Herr König schon, uns mit Fakten und Wissen zu versorgen. Die Busch Farm, über die ich mich eingangs gewundert hatte, war 1926 die Keimzelle des heutigen Hopfenforschungszentrums. Im vorderen Teil des Anwesens war damals an der Straße gelegen eine Gaststätte und das erste Labor. Vor etwa 30 Jahren wurde das Anwesen verkauft, an das Unternehmen Anheuser Busch, das damit nun eine komfortable Nähe zum wichtigen Rohstoff Hopfen hat.

Hopfenbonitierung

Das Datum der Einladung war mit Sicherheit nicht zufällig gewählt. Als wir noch in der Begrüßungsrunde zusammenstanden, war im Personalgebäude der Forschungsanlage bereits die Hopfen-Bonitierung der besten Sorten aus allen fünf deutschen Anbaugebieten in vollem Gang. Das war unsere erste Station des Tages. Nach einführenden Worten vom Technischen Leiter der Hopfenzüchtung, Anton Lutz, durften wir ein bisschen mitgucken, -tasten und vor allem auch -schnuppern. Welche Hopfen die Profis, darunter die Brauereminenzen Michael Plank, Eric Toft und Hans-Peter Drexler, zu den Deutschen Hopfen-Champions 2019 gekürt haben, wird in Nürnberg auf der Brau-Beviale verkündet werden.

Hopfenforschung

Nach diesem hautnahen Hopfenerlebnis ging es weiter zum theoretischen Teil des Tages, in die Bibliothek im Institutsgebäude, wo auch die verschiedenen Labors untergebracht sind. Durch das Jubiläum des Reinheitsgebots im Jahr 2016 kennt man aus Fernsehbeiträgen vor allem die Züchtungsaktivitäten des Hüller Instituts um Chef-Züchter Anton Lutz. In einem profunden Vortrag über das Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung IPZ lehrte uns Herr König, um wie viel mehr es doch bei der Hopfenforschung geht als nur um neue Sorten mit neuen Aromen.

Hopfenbau und Pflanzenschutz

In der Arbeitsgruppe für Hopfenbau und Produktionstechnik geht es um Fragen des Hopfenanbaus, der besten Art und Weise der Düngung, der Beratung der Hopfenanbauer und den Betrieb und die Unterstützung eines Warnsystems vor den gefürchteten Hopfenpflanzenkrankheiten wie der Peronospera, dem „Falschen Mehltau“. Demzufolge gibt es für den Pflanzenschutz im Hopfenbau eine eigene Arbeitsgruppe. Ein Kernthema für diese ist die fiese Hopfenkrankheit Verticilliumwelke, die 1952 erstmals in der Hallertau aufgetreten ist.

Züchtung

Die Arbeitsgruppe Züchtungsforschung Hopfen ist diejenige mit dem publikumswirksamsten Thema: der Entwicklung neuer Sorten. Dazu werden pro Jahr 75-100 klassische Kreuzungszüchtungen durchgeführt, wozu die Väterpflanzen in einem eigenen „Männerzuchtgarten“ in Freising gehalten werden, in einem Sicherheitsabstand zur Hallertau von mehr als 30km. Denn befruchtete Hopfendolden braucht man zwar zur Züchtung, für den Anbau zum Brauen sind sie unbrauchbar. Die Gründe durften wir bei Herrn Königs Vortrag lernen: befruchtete Dolden haben einen höheren Fettanteil, aber weniger Alphasäure, und beides ist dem Bierbrauen nicht dienlich. Zurück zur Züchtung. Aus den 100 Kreuzungen entstehen etwa 100.000 Sämlinge im Gewächshaus, die nun einer harten Auswahl unterzogen werden. Im Quarantänegewächshaus werden sie gezielt mit Echtem Mehltau und Peronospera infiziert und nur die harten schaffen es in den Garten. Der erste „Garten“ ist wieder ein Gewächshaus, das in Hüll „Kindergarten“ genannt wird. Dort landen nur noch etwa 4.000 weibliche Einzelstöcke. Davon wieder bleiben ca. 20-30 Stämme übrig, die dann mehre Jahre wiederholt zur Prüfung wachsen dürfen. In die Praxis-Anbauprüfung gelangen am Ende nur 5-10 Stämme und nach 12 Jahren scheint mit Glück vielleicht wieder ein neuer Stern aus Hüll am Hopfenhimmel. Die neuen Sterne der jüngeren Zeit waren unter den Aromasorten die Hopfen „Mandarina Bavaria“ (2012), „Huell Melon“, „Hallertau Blanc“ (2012), „Callista“ und „Ariana“. Bei den Hochalphasorten kamen aus Hüll die Sorten „Magnum“ (1991), „Taurus“ (1995), „Herkules“ (2006) und „Polaris“ (2012). Doch nicht nur für neue Aromen oder höhere Alphawerte sind neue Züchtungen wichtig. Die Traditionssorte „Hersbrucker“, so lehrte uns Walter König, leidet in letzter Zeit mehr und mehr unter dem sich wandelnden Klima. Eine der neuen Sorten, die damit besser zurecht kommt, und die in die Fußstapfen des „Hersbrucker“ treten könnte, wäre die neue Hüller Sorte „Callista“. Und auch der „Mandarina Bavaria“ erweist sich als klimaresistent.

Hopfenanalytik und Ökologie

Abgerundet wird der Arbeitsbereich Hopfen in Hüll durch die Arbeitsgruppen Hopfenqualität und Analytik sowie Ökologische Fragen des Hopfenbaus. An die zuverlässige Bewertung der inneren Eigenschaften der Hopfen, sprich die chemische Analyse der Bitterstoffe sowie der ätherischen Öle und Polyphenole, denkt man mit Blick auf den Brauprozess auch als kleiner Hobbybrauer. Dass diese Werte natürlich gerade für den Hopfenhandel von größter Bedeutung sind, insbesondere für den Hopfenpreis, ist mir nach diesem Lehrtag in Hüll nun auch viel stärker bewusst. Wir haben gesehen, welch empfindliche Pflanze der Hopfen doch ist. Die Arbeitsgruppe für Ökologie kümmert sich unter anderem darum, dass die Böden, auf denen der Hopfen wächst, ihre Qualität behalten, indem sie nachhaltige Anbau- und Bewirtschaftungsmethoden erarbeitet, ein Themengebiet, das dem der Neuzüchtung an Wichtigkeit in nichts nachsteht. Ja, die fünf Abteilungen ergänzen sich gegenseitig ganz hervorragend. Das Hopfenforschungszentrum ist gut aufgestellt. Ich bin überzeugt, dass hier in Hüll bei der GfH die richtigen Leute das Richtig tun für die Zukunft unseres Hopfens.

Biere mit den Neuen Hopfen aus Hüll

Nach dieser geballten Ladung an Information über die Forschungstätigkeiten war es an der Zeit, auch die Früchte dieser Arbeit kennenzulernen: die neuesten Hopfensorten aus Hüll:

„Diamant“ und „Aurum“

Diese wurden uns gleich in der Form präsentiert, für die sie gedacht sind – im fertigen Bier, gebraut von der Forschungsbrauerei der TU München in Weihenstephan. Die Versuchsbiere sind alle in gleicher Weise gebraut in der Art eines „Premium Hell“, nur mit der jeweils zu demonstrierenden Hopfensorte. Ging das Bier mit dem „Diamant“ mehr in die Richtung eines klassischen hopfenwürzigen Typs, ließ uns das „Aurum“-Bier mehr an die Fruchttypen denken, die man von jüngeren Craft-Bieren kennt. Allein an diesen beiden Bieren merkte man schon die große Spannweite der Aromen, die uns der Hopfen schenkt.

Damit wir die neuen Sorten auch richtig einordnen können, bekamen wir zum Vergleich auch Proben mit den Hopfen „Callista“ und „Ariana“. Die Ariana Probe war erstaunlicherweise ein reguläres kommerzielles „Schönramer Dunkel“, das Star-Braumeister Eric Toft eben mit dem Ariana Hopfen braut, so eröffnete uns Herr König ganz nebenbei. Und als ob nicht bis hier schon jedes der Verkostungsbiere ein Höhepunkt für sich gewesen wäre, kam gleich nochmal was ganz Besonderes hinterher.

Sulzberger BierHausBier VOMANTINO

Das ist ein dunkles märzenartiges Ale mit 6.2% Alkohol, und darf sich rühmen, das erste kommerziell gebraute Bier mit der neuen Hopfensorte „Diamant“ zu sein. Gebraut wird es auch von der Forschungsbrauerei TUM in Weihenstephan, jedoch in Zusammenarbeit und nach einer Idee von Hartmut Sulzberger, dem Inhaber des Pfaffenhofener Craft-Bier-Marktes „Sulzberger BIERHAUS“. Die klassisch würzigen Eigenschaften des „Diamant“, die ich zuvor schon im reinen Hellen bemerkt hatte, passten zu diesem Bier wie die Faust aufs Auge. Den besonderen Pfiff, seine „Craftigkeit“ bekommt es durch die Brauweise als Ale. Beim Stöbern auf der Homepage des Sulzberger BIERHAUS entdeckte ich nachträglich auch die Herkunft des exotisch klingenden Namens. Er setzt sich einfach zusammen aus den Anfangsbuchstaben des Satzes

Vo mir aus na tring i no oans!

Ein neues Bier mit neuen Hopfen aus Hüll trinken? Jederzeit! 🙂

Führung über das Gelände

Der Rundgang über die Forschungsanlage bei schönstem Herbstsonnenschein schloss diesen rundum perfekten Hopfentag ab. Hier setzte sich nochmal alles schön zusammen, was wir vorher ausführlich in der Theorie und etwas Praxis vorgestellt bekommen hatten. Und genau in dieser Reihenfolge muss es sein, damit man auch verstehen kann wie die einzelnen Einrichtungen zusammengehören: Die unterschiedlichen Gewächshäuser: das Quarantänegewächshaus für die Auswahl der krankheitsresistenten Jungpflanzen, das Hopfen-„Kindergarten“-Gewächshaus, die Foliengewächshäuser, wo die Pflanzen auf die Auspflanzung ins Freiland vorbereitet werden, in den Versuchs-Hopfengarten. Rispen einer abgestorbenen männlichen Hopfenpflanze Im Kindergarten gab es etwas zu sehen, das für mich persönlich ein Highlight war: männliche(!) Hopfenpflanzen. Diese sind ja an sich in der ganzen Hallertau verboten. Bei der Aufzucht aus Sämlingen ist das Geschlecht einer Pflanze jedoch zunächst nicht erkennbar. Das zeigt sich erst, wenn die Pflanzen ihre Blüten ausbilden. Beim weiblichen Hopfen sind das die bekannten Dolden, beim männlichen sind es rispenförmige Staubblüten. Sobald diese erkennbar sind, werden die männlichen Pflanzen unten abgeschnitten und vertrocknen. Kein schöner Anblick, aber notwendig. Mich hat es trotzdem gefreut, diese Form des Hopfens einmal vor die Kameralinse zu bekommen, auch wenn die Behandlung der Hopfenmännchen so traurig anmutet.

Am Abend in meinem Quartier in Wolnzach lasse ich mir den Tag in Hüll noch mal durch den Kopf gehen und stelle fest: Das Hopfenforschungszentrum ist ein richtiger kleiner landwirtschaftlicher Hopfenanbaubetrieb, mit Maschinenhalle, Hopfenzupfmaschine und Hopfendarre. Der offensichtlichste Unterschied zum reinen Anbaubetrieb ist der Gebäudekomplex mit den Labors. So wird aus Züchtungs- und Anbaubetrieb ein Forschungsinstitut von Weltrang.

Bildeindrücke vom Blogger-Hopfentag

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Dieser Beitrag wurde geschrieben am Freitag, 18. Oktober 2019 und wurde abgelegt unter "Allgemeines, ralf". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen. Pingen ist zur Zeit nicht erlaubt.

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