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feine Biere, wo und wie wir sie am liebsten haben

Quo vadis, Forschungsbrauerei?

Heute sind es genau 40 Tage, die wir in der Wüste sitzen. Nach 40 Tagen Fastenzeit hatte Jesus die Wüste wieder verlassen. Der hatte es gut. Wir dagegen müssen noch weitere 155 Tage ausharren, bis die uns auferlegte Fastenzeit in der Perlacher Forschungsbrauerei ausgestanden ist. Das hört sich so an, als wäre die Forschung wieder einmal zu, so wie früher zwischen bayerischer Herbst-Kirchweih und erstem Märzwochenende. Oder so, als ob sie schon wieder ganz zu wäre, und ein neuer Inhaber würde in gut fünf Monaten wiedereröffnen. Ganz so schlimm ist es nun nicht, und ist es dann auch wieder doch! Und viele Stammgäste stellen sich in diesen Tagen die Frage: Forschungsbrauerei, wo willst Du hin?

Angefangen hat alles am ersten Augustwochenende, genau gesagt bereits am 1. August, als die Forschungsbrauerei unter anderem auf ihrer Facebook-Seite verkündet hatte

..die letzten 100 Liter St. Jakobus Blonder Bock sind angebrochen

Wenn die letzten 100 Liter ausgeschenkt wurden, macht der St. Jakobus Blonde Bock seine wohlverdiente Pause und kommt dann erst wieder pünktlich zur Fastenzeit am 15.02.2013

um am 4. August dann auch die Vollzugsmeldung abzudrucken, die da lautete

Sag zum Abschied leise Servus… jetzt ist er aus der St.Jakobus Blonder Bock..

Das letztere stimmt. Der Blonde Bock ist wirklich aus. Nur leise, das war sein Abschied beileibe nicht! Ich selbst war in jenen Tagen noch im Urlaub und habe es nur vom Hörensagen mitbekommen. Ein Stammgast soll drastische Maß-Nahmen 😉 ergriffen und lautstark in der Wüste außerhalb der Forschung das Weite gesucht haben. Dass es jetzt so lange keinen Bock mehr geben soll, ist natürlich schlimm, und Protest tut Not. Doch selbst ich würde nicht so weit gehen, der Forschung gleich die Freundschaft zu kündigen. Man kann seinem Schmerz ja auch so Luft machen wie ich, wenn ich mir bei der Bedienung einen „Pilsissimus-Bock“ bestelle. Das alleine aber wäre wieder zu sanft. Der Bock und die Forschung, und die Forschung ohne Bock, das ist schon eine so gewichtige Angelegenheit, dass ich darüber etwas schreiben muss. Ich habe lange überlegt, was und wie ich schreiben soll, und ganz so recht weiß ich es immer noch nicht. Jedenfalls, so meine ich, darf den Brüdern Silbernagl und der Forschung so ein Lapsus nicht noch einmal passieren. Er darf nicht, einfach weil die Forschung nicht irgendeine Brauerei ist, und er muss nicht, weil die Brüder es gar nicht nötig haben.

Rückblick

Zugegeben – früher, bis ins Jahr 2010, war alles viel einfacher, vor allem für die Besucher der Forschungsbrauerei. Man wusste einfach, dass alles so ist, wie es immer war, und man nahm an, dass es immer so bleiben würde. Die Speisekarte kannte man, ihre Preise auch :shock:. Am Ambiente wurde nichts verändert. Und das höchste Gut, die Kronjuwelen der Brauerei, hatte höchste Qualität und Beständigkeit: Die beiden Hausbiere Export, genannt „Pilsissimus“, und an vorderster Stelle der Blonde Bock, der „Sankt Jakobus“. Letzterer war es, der die Forschung zu dem gemacht hat, was sie heute ist. Zum Fels in der Brandung der Einheitsseuche der Münchner und der übrigen deutschen Großbrauereien, zum kleinen Gallischen Dorf am Rande der von ausländischen Bierkonzernen besetzten ehemaligen Bierstadt München.

Dass die Forschung unter der alten Führung von Stefan Jakob, dem Enkel des Brauereigründers Gottfried Jakob, zum Ende der Saison 2010 geschlossen und im Folgejahr vom Gründersohn Heinrich Jakob an die Familie Silbernagl verkauft wurde, lag somit sicher nicht an schlechtem Bier. Es waren wohl andere Gründe, die aber nicht bekannt sind, und die man wahrscheinlich auch nie erfahren wird. Das ist auch gar nicht so wichtig. Wichtig ist vielmehr, dass durch die Übernahme der Forschungsbrauerei durch die Silbernagls das Leben und das Brauen in Perlach weiter ging. Und wie es weiter ging!

In nur einem Jahr haben die Drei der Brauerei einen Boom beschert, den man in der Zeit der gleichmäßigen Beständigkeit der vielen Jahre zuvor nie für möglich gehalten hätte. Noch nie hatte ich es erlebt, dass ich im Biergarten des Bräustüberls fast keinen Platz bekommen hätte, oder dass der Autoparkplatz der Forschung so voll war, dass die Gäste hinter dem Bahnübergang wild parken mussten. Die Forschung ist wieder in. Sie ist wieder in aller Munde. So sehr sogar, dass mir eine Bedienung von Schneiders Weißem Bräuhaus in der Münchner Stadtmitte im Gespräch über die Münchner Bierszene eine „Versuchsbrauerei oder so ähnlich, in Perlach“ ans Herz legen wollte, weil die dort so ein gutes neues Sommerbier gebraut haben sollen. Diese erste Eigenkreation der neuen Brauer war in der Tat hervorragend gelungen. Wenn es auch nicht jedermanns Geschmack war (siehe Benhurs jüngsten Blog-Kommentar), vielen hat das Sommerhell geschmeckt, und es hat mit Sicherheit über den Sommer viele neue Gäste angelockt. Ein weiterer Beweis für das Können der neuen Brauer Hans und Manfred Silbernagl war dann in der Mitte des Sommers das Jubiläums-Festbier auf dem Unterhachinger Bürgerfest. Wie es der Zufall will, hat mir genau heute, am vierzigsten Tag der Bocktrockenzeit, ein Arbeitskollege vom Forschungs-Festbier vorgeschwärmt. Ich hatte ihm nichts davon erzählt gehabt, er hatte es vollkommen unabhängig für sich entdeckt.

Nein, brauen können die Silbernagls, das haben sie bewiesen. Das haben sie aber auch von Anfang an gezeigt. Denn sie waren sofort in der Lage, die Stammbiere der Forschung, um die es in diesem Artikel eigentlich gehen soll, mit gleichem Geschmack und in gleicher Qualität wie die Vorgängerfamilie zu brauen.

Zwick(malz)mühle

Wenn ich mir jetzt einmal vorstelle, ich hätte das Brauen gelernt, und ich hätte eine eigene Brauerei mit der Geschichte einer Forschungsbrauerei, einer Geschichte, die – in diesem Fall „dummerweise“ – ein so außergewöhnliches Bier hervorgebracht hätte, wie es einem Brauer nur ein mal in seinem Leben gelingt, und wie es unter hundert Brauern in hundert Jahren nur einmal kreiert wird, ich säße, wenn ich selbst Brauer wäre damit ganz schön in der Zwickmühle. Sollte ich immer nur das alte Spitzenbier weiter brauen, von dem mir jeder sagt, es gibt auf dem ganzen Globus nichts vergleichbares, und von dem ich weiß, dass ich es unter Umständen mit einer Eigenkreation nie toppen werde? Sicher nicht. Ich würde auf jeden Fall auch meine Eigenentwürfe herstellen. Vielleicht würde ich sie „Versuche“ nennen. In der Forschungsbrauerei würde dies fast demütig klingen vor der Geschichte des Hauses, und vor dem Hintergrund der Über-Biere Pilsissimus und Blonder Bock, die wie eine schwere Hypothek auf der Brauerei lasten. Statt so herabwertend „Demut“ zu sagen, sollte man vielleicht doch besser beim positiven Wort „Versuch“ bleiben. Das klänge nach Neugier, nach Neuem und Aufregendem. Nach etwas, das das Bekannte bestehen lässt, und trotzdem angenommen werden kann, und worüber man sich umso mehr freut, wenn der Versuch gelingt.

Bockersatz

Ersatz für den Blonden Bock? Den gibt es nicht! Die Entdeckung des Blonden Bock ist im Bierreich ein einmaliges Ereignis gewesen. Einmalig für den Brauer, der ihn zum ersten mal gesiedet hatte, und einmalig für jeden echten Bierfreund, der ihn zum ersten mal trinkt bzw. trank. Der verärgerte Auswanderer aus dem Bierreich, den ich eingangs erwähnt habe, dürfte – in dieser Saison – eine Ausnahme sein. Weil der Blonde Bock so gut war, und weil er es auch wieder sein wird, werden wir die kommenden 155 Tage auch irgendwie überstehen. Doch Aufschreien und Klagen ist schon wichtig. Manfred Silbernagl hat das auch gehört und wird es bis zum Februar noch oft zu hören bekommen. Und er hat bereits versprochen, dass es im nächsten Jahr nicht mehr diese lange Durststrecke bis zum Fastenanstich am Freitag nach Aschermittwoch geben wird. Eine kurze Auszeit, ab Martini, oder nicht ganz so lang, ab Weihnachten – dagegen wäre wohl nichts einzuwenden. Das würde die Besonderheit des Blonden Bock sogar noch unterstützen. Aber fast zweihundert Tage – so lange hatte selbst die alte Forschung nie zu. Da würden ja bald zwei ganze Winter am Stück hinein passen.

Ganz ohne Plan, so wie es jetzt vielleicht erscheinen will, hat Manfred Silbernagl den Bock natürlich nicht ausgehen lassen. Bald schon, wenn die Nächte länger werden als die Tage, wird es die dritte Eigenkreation der Brüder Silbernagl geben. Wie das Sommerhell zum Sommer und das Festbier zum Fest passten, wird auch diese mit Sicherheit zur Jahreszeit passen. Den Bock – Manfred, Hans und Florian mögen es mir bitte verzeihen – wird es nur schwer übertreffen können. Der Bock hat nämlich allen anderen bekannten Bieren eins voraus: Er passt immer. Weil er zeitlos ist. Gebraut nach einem perfekten Rezept. Ein Bier ohne Kompromisse. Ein Bier, das so einzigartig und gut erschaffen wurde, einfach nur weil es eben möglich ist, ein Bier so einzigartig und gut zu brauen.

Quo vadis?

Wohin soll die Reise also gehen? Die Forschung boomt wie nie zuvor. Es gab bis vor kurzem noch die beiden Biere, die es immer gab. Das kann den Boom schwer alleine ausgelöst haben. Ich glaube vielmehr, dass die neue Küche ganz wesentlich dazu beigetragen hat, neue Gäste anzulocken, mit hochwertigen und schmackhaften Speisen, zu für München moderaten Preisen. Wenn dann, so wie es ja auch ist, das Bier noch ein wie bei Pilsissimus und Blondem Bock bekanntermaßen ganz außergewöhnliches ist, dann fahre ich gerne hinaus nach Perlach an den Rand der Stadt. Ebenso aber auch, wenn mir ein neues Bier winkt, wie es mir die Bedienung aus dem Schneider-Haus empfehlen wollte. Doch all das brauche ich nicht, wenn ich weiß, dass ich dort das außergewöhnlichste Bier bekomme, das mir je begegnet ist. Heute aber weiß ich nur, dass ich es lange Zeit nicht mehr bekommen werde.

Biergärten und Bräustüberl mit gutem Bier gibt es auch woanders. Welche mit besserem Bier gibt es auch. Aber welche mit bestem Bier sind selten. Die findet man auch nicht so leicht, man muss meist auf irgendeinem Wege davon hören und neugierig werden. Neugierde bringt einen Gast zum ersten Besuch. Was aber bringt ihn zum Wiederkommen, was macht diesen Gast zum Stamm-Gast? … 💡

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Dieser Beitrag wurde geschrieben am Donnerstag, 13. September 2012 und wurde abgelegt unter "Bockbier, Oberbayern, Privatbrauerei, ralf". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen. Pingen ist zur Zeit nicht erlaubt.

5 Kommentare

  1. Lothar Reeg sagt:

    Ich war über ein Vierteljahrhundert Stammgast in der Forschung – die Betonung liegt auf „war“. Das liegt nicht am Bier und nicht an der erweiterten Speisekarte. Es liegt ausschließlich am Service, der leider dem Ansturm oder wem auch immer nicht standhalten konnte. Nicht nur einmal sondern immer wieder – leider …

  2. Paul sagt:

    Das mit dem Service stimmt leider. Die Bedienungen sind häufig überfordert und zum Teil unfreundlich.
    Da ist der Chef gefordert, um diesen Mißstand abzustellen.
    Der „Chef“ sollte auch mehr Präsenz bei seinen Gästen zeigen.
    Das Thema „Bock“ haben die Silbernagels offenbar unterschätzt, andererseits ist ihnen mit dem Sommerbier ein großer Wurf gelungen.
    Trotz aller Mängel, ich gehe gerne in die Forschung, im Gegensatz zu früher passt jetzt das Angebot.

  3. nobody sagt:

    Quo vadis , wohin geht die Forschung ? So wie és aussieht , wird Stück für Stück aus der urigen Rarität Forschungsbrauerei, ein Restaurant mit Blümchen und Deckchen wie es sie hundertfach in und um München gibt .Das Besondere verkommt so zum Massenartikel .Schaun ma moi was rauskommt .

  4. Klaus sagt:

    Die Forschung hat sich verändert – mir gefällt sie gut!

  5. Elmar sagt:

    Unbestritten ist der Bock auch für mich ein absolutes Ausnahme-Bier und für sich allein genommen schon eine Reise nach Perlach wert. Allerdings hat der Pilsissimus dieses Prädikat genauso verdient.

    Ich persönlich habe die Abwesenheit des St. Jakobus bisher als nicht so drastisch empfunden wie es hier geschildert und offenbar vom einen oder anderen Stammgast wahrgenommen wurde. Essentiell war für mich immer der Pilsissimus. Wahrscheinlich würde ich wohl eine ähnliche Reaktion zeigen, falls dieser einmal eine Pause machen müsste. 😉

    Was mich allerdings freut, ist die Tatsache, dass es wieder verschiedene Bier gibt und geben wird – wie z.B. das Sommer-Hell, das für die entsprechende Gelegenheit (heiße Tage im Biergarten) genau passend war (speziell der zweite, etwas vollmundigere Sud), oder das Jubiläumsbier, das mich mit seiner Frische beim ersten Genuss auf dem Unterhachinger Bürgerfest fast umgehauen hat.

    Und jetzt nun eben das Dunkle, auf das ich mehr als gespannt bin und dessen erster Ausschanktag schon im Kalender markiert ist.

    Es ist gerade diese Abwechslung, die die Forschung ein Stück spannender macht und sicher neben der deutlich besseren (weil abwechslungsreicheren?) Küche zum aktuellen Erfolg beiträgt. Vielen Freunden und bekannten habe ich immer wieder von der Forschung vorgeschwärmt und auch allesamt begeistern können. Fast immer kam jedoch die Anmerkung auf, dass es bei dem Namen irgendwie komisch wäre, dass es immer nur die gleichen zwei Biere gäbe.

    Ohne mich im „Inneren“ der Forschung allzu gut auszukennen, sind ein Problem bei neuen „Forschungsprojekten“ wohl aber auch die Zapfanlagen, die meines Wissens nur den Ausschank von zwei verschiedenen Bieren zulassen; alles andere muss aus dem Holzfass kommen. Entscheidet man sich also, ein „neues“ Bier im größeren Stil einzubrauen und letztendlich über die Zapfanlage auszuschenken, muss ein andere dafür Platz machen.

    Um auf den Titel des Eintrags zurückzukommen: Quo vadis, FoB? Sie geht einerseits natürlich den Weg in Richtung moderne Gastronomie (was aus kulinarischer Sicht bestimmt ein Schritt nach vorne war). Sie geht allerdings auch den Weg in eine spannende Bier-Zukunft, denn wenn ich mir vor Augen führe, welche Kreationen die Silbernagls schon aus dem Hut gezaubert haben (und die Brauanlage gerüchtehalber so umgebaut werden soll, dass auch Weißbiere möglich sind), dann freue ich mich jetzt schon auf alles, was da noch kommen mag.

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