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Hausbrauerei Altstadthof Nürnberg – Maibock 2011

altstadthof_maibock_2011 schaum_vom_altstadthof_maibock_2011 Nach meinem Artikel über den Maibock 2010 vom vergangenen Jahr haben wir alle mit großer Spannung erwartet, wie der Maibock denn in diesem Jahr ausfallen wird. Es wäre schön gewesen, wenn man die beiden Biere im direkten Vergleich hätte probieren können. Doch bei Bier ist das anders als bei Wein. Durch Lagern wird es, sobald es einmal ausgereift ist, nicht mehr besser. Und die üblichen Konservierungsmethoden, wie unter Umständen gar Einfrieren, würden es nur zerstören. So gibt es also keine „Jahrgänge“, die man schön nebeneinander verkosten kann. Man muss sich hier voll auf sein Gedächtnis verlassen. Und weil die Erinnerung ja mit der Zeit verblasst wie zu lange gelagertes Bier, habe ich ein Biertagebuch, in dem ich meine Eindrücke immer unmittelbar festhalte. Beim 2011er Altstadthof-Maibock habe ich da wieder besonders viel geschrieben. Ich möchte gar nicht wissen, was die Kellnerin an diesem Sonntag Morgen dachte, als sie mich beobachtete, wie ich da so lange hochkonzentriert über meinem Bücherl brütete. 😉

Erinnerung an 2010

Wenn ich „zu Fuß“, also nur mit meinem Gedächtnishirn an das letzte Jahr zurück denke, dann erinnere ich mich daran, dass ich von jenem Bier einfach nur überwältigt war. Es war allen Sinnen gefällig zugänglich in allen Geschmacksdimensionen, vollkommen ausgeglichen. Und als Bockbier waren die Eindrücke alle noch verstärkt, so dass sich alles um mich herum ausblendete, und ich nur noch den perfekten Biergeschmack wahrnahm. Fast wie Musik, der ich mit einem High End Hifi-Kopfhörer lauschte, einer Sinfonie in G-Dur – mit „G“ wie „Gute Laune“.

Maibockkonzert 2011

Auch in diesem Jahr ist den Braumeistern Reinhard Engel und Martin Kemmer wieder eine grandiose Malz- und Hopfensinfonie gelungen. Und die Tonart – ja ich überlege immer noch – die lässt sich nicht so leicht benennen, so reichhaltig und komplex ist der Sud 2011. Ich beackere jetzt einfach mal meinen Tagebucheintrag und schaue, bzw. höre nochmal hin, wie die Bier-Sinfonie 2011 klingt.

Die ist nämlich alles andere als seichte Aufzugsmusik. So im Vorbeigehen mal schnell ein Maibock rein gezogen – das wäre letztes Jahr vielleicht gegangen, wenngleich es dem Bier nie gerecht gewesen wäre. Heuer wäre dagegen ein hastig getrunkenes Maibockseidla sogar fast schon ein Verbrechen. Auf den 2011er Bock musste ich mich voll und ganz konzentrieren, wofür ich aber mit vielfältigen Genusseindrücken belohnt wurde. Ich war nämlich schon am Samstag in Begleitung in der Hausbrauerei Altstadthof. Und da konnte ich aufgrund der natürlichen Ablenkung durch meine Gesellschaft nur feststellen: Dieser Bock ist anders als der letzte, ganz anders. Nur – meine Erinnerung spielte mir unaufhörlich die Klänge des alten Bieres vor. Die Musik des neuen wollte sie mich nicht hören lassen. Ich hatte einfach nicht die nötige Ruhe an diesem Tag. Und so ging ich eben am Sonntag Morgen noch einmal in Nürnberg die Bergstraße hinauf.

Helle Ouvertüre

Um mich auf den Maibock vorzubereiten und einzustimmen, bestellte ich als erstes nicht gleich den Bock, sondern ein „einfaches“ Helles. Damit ließ sich meine fast schon lästige Erinnerung mit dem Nachhall des alten Bocks endlich ausblenden. Gleichzeitig gewöhnte ich meinen Gaumen wieder an die hochanspruchsvollen Altstadthofbiere. Diese zeichnet nämlich allesamt ein ganz besonderer Eindruck von Naturbelassenheit und Direktheit im Geschmack aus, den man aber nicht mit Einfachheit verwechseln darf. Ganz im Gegenteil!

Das Helle also, ich mache es kurz, war mittelvollmundig malzig, sehr natürlich schmeckend, also so wie Gerstenmalz für einen Malzkaffee. Insgesamt eher leicht und damit sehr angenehm und eigentlich an jedem Tag und zu jeder Tageszeit zu genießen. Auch die Nase empfindet diese frische Natürlichkeit. Ich bin erstaunt, wie gut sich das Malz auch noch im Endprodukt wahrnehmen lässt. Das kenne ich so nur von besseren Kölsch-Bieren, die ja aufgrund ihrer anderen Brauart eher jung ausgeschenkt werden. Im Vergleich zu Kölsch hat das Altstadthof Helle jedoch deutlich mehr Substanz und Komplexität aufzubieten.

Damit war ich nun richtig warm gespielt für das große Konzert der Sinne mit der

Sinfonie 2011

Diese beginnt, noch wesentlich deutlicher als mein Vorbereitungsbier, mit einem überragenden Eindruck von – ich kann es nur Natürlichkeit nennen, in der sich schnell und ungeduldig gleich der Hopfen nach vorne drängt. Genau! Heuer spielt im Maibock der Hopfen die Melodie, getragen von der Grundbegleitung durch die Malze. Und das scheint mir das Geheimnis des Maibockjahrganges 2011 zu sein: Er will behutsam angegangen werden. Er braucht Ruhe und Aufmerksamkeit. Dann hört man auch die Begleitmusik der Malze, die durchaus ganz deutlich und kräftig ihre Stimme spielen, die sich aber eben wie die Musiker in einem hochkarätigen Orchester harmonisch an der ihnen zugedachten Stelle einfügen. Und ich bin beeindruckt, wie virtuos die Malze sich in dieser Hopfensinfonie 2011 unterordnen ohne dabei unterzugehen. Am Anfang des Trinkvorganges melden sie sich in ihrer beeindruckenden Natürlichkeit mit voller Stimme zu Wort, um sich im weiteren vornehm zurückzunehmen und die Hopfensorten ihren Part übernehmen zu lassen, den diese mit einem kräftigen Klang von, ich nenne es wieder „Natürlichkeit“, laut und deutlich und mit Freude auskosten und in einem grandiosen Abgang zum Finale spielen.

Die Mitspieler

Für diese gibt es heuer sogar eine Visitenkarte des Maibock 2011 (siehe Foto – neben dem Bier). Vielleicht auch schon letztes Jahr, heuer jedenfalls habe ich diese zum ersten Mal gesehen. Und darin sind aufgelistet

Biomalz

Gerstenmalz Sorte Auriga / Barke Pilsner Typ, Region Oberfranken und Oberpfalz

etwas Caramelmalz

BioHopfen

Aromasorten Hersbrucker Tradition, Hersbrucker Spät

Biobauer Eckert, Eckenthal Herpersdorf, Ernte 2010

Nüchtern betrachtet: Natur pur

Nüchtern, das heißt beim Aufarbeiten des Tagebucheintrags, ohne das Bier vor der Nase. Da lese ich, dass ich schon am Samstag mit Herrn Engel ein paar Worte gewechselt hatte. Er hat dabei fast ein wenig entschuldigend gemeint, dass die Hopfen im Maibock 2011, also die Ernte 2010, nicht so gute Alphasäurewerte hätten wie der Hopfen im Vorjahr. Das erstaunte mich nicht wenig. Denn mein Empfinden war, dass der heurige Bock ungleich hopfiger schmeckt, als der aus meiner Erinnerung. Hopfiger, intensiver, würziger ist er und wird im Abgang so schön deutlich herb wie ein Pils. Ein Super-Pils. Ein super würziges Super-Pils. Es kommt ganz offenbar nicht nur auf den Alphasäuregehalt an, der mit 32 EBC (steht so in der „Visitenkarte“) auch nicht ohne ist. Es ist auch die restliche Beschaffenheit des Hopfens. Da bringt der Bio-Hopfen halt noch ganz andere Geschmacks- und Aromastoffe mit als nur die reine Alphasäure. Letzere lässt sich messen. Die ersteren eher nur erschmecken. Und was ich schmecke ist: Natur pur. Auch – oder gerade – ganz nüchtern betrachtet. Wonach schmeckt jetzt Natur? Tja, ich würde es beschreiben als das Aroma von Heilkräutern in einer Medizin, die nach einem Jahrhunderte alten Rezept hergestellt wird.

Fazit

Der Maibock 2011 ist stark durch seinen Hopfen geprägt. Nach den Worten von Braumeister Engel ist der Hopfen in seinen Analysewerten nicht so mächtig wie im Jahr davor. Doch Zahlen sind nicht alles. Auf den Geschmack kommt es an, und auf das Trinkerlebnis. Vielleicht ist es ja wirklich ein Glücksfall, dass die Messwerte heuer nicht auf Maximum stehen. So haben die sekundären Qualitäten des Hopfens eine Chance bekommen, und der Hopfen konnte zeigen, was wirklich in ihm steckt: Geheimnisvolle, großartig natürliche und mit den Geschmackssinnen direkt wahrnehmbare Heilmittelwirkung.

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Dieser Beitrag wurde geschrieben am Sonntag, 8. Mai 2011 und wurde abgelegt unter "Franken, Gasthausbrauerei, Maibock, Privatbrauerei, ralf". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback senden von deiner eigenen Seite.

5 Kommentare

  1. fwolf sagt:

    Dadurch, dass Bock- und Doppelbock-Bier aber aufgrund seines Mehrs an Alokohol länger haltbar ist (i.d.R. mehr als 1 Jahr; besonders Flaschenbier), dürfte der Vergleich durchaus möglich sein 😉

    Jedenfalls habe ich 2010 noch Salvater aus dem Jahr 2009 getrunken – schlechter war er nicht.

    cu, w0lf.

  2. ralf sagt:

    Hallo w0lf,

    ja, da hast Du schon recht mit dem Alkohol. Der Salvator ist allerdings mit 7,9% gegenüber dem Altstadthof Maibock mit „nur“ 6,3% klar im Vorteil. Weiter kommt es wohl darauf an, wie naturbelassen ein Bier ist. Bevor der Maibock nämlich so um das kommende WE wieder zur Neige gehen wird, bin ich an diesem WE noch mal in Nürnberg. Und der Maibock, den ich gestern Abend zuerst bekam, schmeckte nicht ganz so, wie ich ihn beim Testen für den Artikel bekommen hatte. Der Hopfen war nicht mehr so kräftig medizinisch, und das Malz wirkte breiter. Ich dachte schon, er wäre in der dazwischenliegenden Woche etwas „gereift“. Die Auflösung kam, als der Zapfhahn versiegte, und ein frisches Fass dran gehängt wurde. Ich bekam gleich das erste Seidla daraus, und siehe da: Alles wieder wie oben beschrieben 😛 . Ich fragte nach, wie alt das letzte Fass geworden wäre. Ein halber Tag war es nur.

    Für so unbehandelte oder nur sehr schonend behandelte und naturbelassene Biere wie diesen Maibock gilt die lange Haltbarkeit also nicht. Meister Engel hat mir gestern auch noch eine Flasche mit einem Liter drin mitgegeben. Für die Haltbarkeit sind die Markierungen auf dem Etikett bei VII 11, also ab Abfüllung im Mai bis zum Juli – ein Viertel Jahr. Und ich bin mir sicher, dass es im Juli anders schmecken wird als jetzt im Mai. Aber auch nach dem Juli dürfte es durchaus noch trinkbar sein. Trotzdem würde ich nach der Erfahrung von gestern jetzt genau zwischen „haltbar„, „trinkbar“ und „(unverändert) erhalten“ unterscheiden.

    Gruß, ralf

  3. Alexander sagt:

    Also wenn es nur um den Alkoholgehalt geht, dann solltest du vielleicht einfach einmal eines der starken belgischen Biere versuchen. Die guten und starken liegen bei über 10% und geschmacklich sind die einfach super. Allerdings halt ohne das deutsche Reinheitsgebot. Dafür aber mit erlesenen Zutaten und geschmacklichen Ingredienzien und wenn es nur ein wenig Zauber des Landes ist. Trappistenbier von den Mönchsbrauereien ist immer gut. Und wann verdirbt denn schon einmal ein gut gelagertes Flaschenbier. An einem kühlen und dunklen Ort ist das doch eher wie bei einer guten Flasche Wein – einfach nachreifen lassen 😉

  4. benhur sagt:

    Einige Trappistenbiere haben wir ja schon auf einer Belgien-Tour testen können.
    Wer nicht so weit reisen möchte, dem sei das Trappisten-ähnliche Sternhagel-Bier der Giesinger Brauerei empfohlen – eine Rezension hier im Blog steht noch aus…

  5. Alex sagt:

    Ich fand ihn besser als wie 2010.

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